Unser Name

 

König-Heinrich-Schule - ein Herrscher des frühen Mittelalters als Namensgeber.

Das hat seine Reize und seine Tücken. Informieren Sie sich über Heinrich I., die Namensgebung und Debatte in der Schulgemeinde um diese Namensgebung.

 

Zu Heinrich I. und seinem Wirken gibt es einige gesicherte Daten und eine Menge Legenden. Lange Zeit galt er in der Geschichtsschreibung als weiser und erfolgreicher Begründer des deutschen Reiches. Die Nationalsozialisten stilisierten ihn zur Kultfigur des germanischen Kampfes gegen die Slawen. Wie geht eine Europaschule im 21. Jahrhundert mit diesem Befund um?

An der Auseinandersetzung mit der Thematik waren über einen längeren Zeitraum hinweg viele Lehrkräfte und die Schüler einer von Dr. Frank Helzel 2003/04 geleiteten Geschichtswerkstatt beteiligt. Der folgende Text stellt den Kern des Kenntnis- und Diskussionsstand unserer Schulgemeinde zum jetzigen Zeitpunkt dar.

 

Von HEINRICUS - REX SAXONUM ET FRANCORUM

Zur KÖNIG - HEINRICH - SCHULE

 

Wesentliche Lebens- und Herrschaftsdaten von Heinrich I.

 

876 geboren als Sohn des Sachsenherzogs Ottos und seiner Frau Hadwig

912 zum Herzog der Sachsen gewählt

919 in Fritzlar zum König der (Ost)Franken und Sachsen gewählt

921 auch in Schwaben und Bayern als König anerkannt

925 schließt Lothringen dem Ostfränkischen Reich an

926 Waffenstillstand mit den Ungarn

 

933 Sieg über die Ungarn bei Riade an der Unstrut

935 Freundschaftsbündnis mit den Königen von Frankreich und Burgund

936 gestorben am 2. Juli

 

Das Siegel des Königs Heinrich I.

 

 

Namensgebung für das Fritzlarer Gymnasium

 

Im September 1955 machte sich das Kollegium des damaligen Realgymnasiums in Fritzlar Gedanken über einen Namensgeber für die bis dato unbenannte Schule. Vorgeschlagen wurden "Herbort von Fritzlar", "St. Wigbert" und "St. Martin". Zuerst sprachen sich Kollegium und Schulelternschaft für "St. Martin" aus, weil sich "in ihm Katholisches und Evangelisches vereine" und er in seinem "christlichen und sozialen Gehalt" eine wichtige Symbolgestalt sei. Die Stadtverordnetenversammlung Fritzlars überging jedoch diese Entscheidung und meldete "St. Wigbert" an den Regierungspräsidenten in Kassel.

Da es aber bereits in Hünfeld eine "St. Wigbert-Schule" gab, forderte der Regierungspräsident zu einer erneuten Entscheidungsfindung auf.

Mit Bezug auf die geschichtliche Bedeutung seiner Königswahl im Jahr 919 in Fritzlar votierten Elternschaft und Kollegium dann für "König Heinrich" - die Stadtverordnetenversammlung hingegen bevorzugte "Herbort von Fritzlar" "als den bekanntesten Schüler der Schule"( schrieb im Jahre 1210 die Dichtung vom trojanischen Krieg in 18 458 Versen ). In seiner Funktion als Schulträger teilte der Bürgermeister Fritzlars am 31. Januar 1956 dem Regierungspräsidenten und dem örtlichen Schulleiter mit, dass die Stadt den Namen "König-Heinrich-Schule" beschlossen habe

 

Heinrich I. - ein geeigneter Namenspatron für die KHS?

 

Die Wahl Heinrichs zum König der Franken und Sachsen ist ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte Fritzlars wie auch Deutschlands.

 

Bedeutend deshalb, weil es Heinrich nach seiner Wahl gelang, im zerfallenden Ostfränkischen Reich seiner Königsherrschaft bei allen Stämmen - einschließlich Lothringen - Macht und Ansehen zu verschaffen, weswegen sich von der von ihm gesicherten Einheit aus eine direkte "staatliche" Linie bis in das Deutschland unserer Zeit ziehen lässt.

 

Die vorherrschende Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat allerdings Heinrich I. häufig als den Begründer des späteren deutschen Reiches proklamiert. Dem lag das Bemühen zugrunde, dem angestrebten deutschen Nationalstaat eine historische Legitimation und Würde zu geben. Auch einige Poeten und Komponisten verwendeten die Person Heinrich in diesem Sinne. Absolut manipuliert muss aus unserer Sicht der Kult bezeichnet werden, den die Nationalsozialisten, vor allem der Führer der SS, Heinrich Himmler, mit Heinrich I. betrieben haben. Sie wollten in ihm, passend zu ihrer Rassenideologie und ihren Weltherrschaftsphantasien, anknüpfend an seine Slawenkriege und die Kämpfe gegen die Ungarn, vor allem den germanischen Kämpfer gegen die "Ostvölker" sehen. Himmler bezeichnete sein Programm zur Eroberung des Ostens "Programm Heinrich" und taufte die als SS-Tagungsstätte genutzte Wewelsburg (südlich von Paderborn ) in "Heinrichsburg" um.

Bedeutet diese nationalsozialistische Vereinnahmung König Heinrichs I., dass er als Namensgeber für die Schule, zumal in einem zusammenwachsenden Europa, nicht taugt?

 

In den Diskussion innerhalb der Schulgemeinde und bei zwei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen schälten sich zwei Positionen heraus. Die Minderheitsposition vertritt den Standpunkt, dass die Rezeptionsgeschichte von Heinrichs Leben und Wirken, welche von nationalgeschichtlichen Historikern, Nationalisten und Nationalsozialisten dominiert ist, diesen Namenspatron für eine Schule in einem demokratischen, der internationalen Friedenswahrung verpflichteten Staat unmöglich macht. So bspw. Frank Helzel in seinen einschlägigen Monographien und Aufsätzen.

 

Die Mehrheitsposition stellt sich zu dieser Frage wie folgt:

Heinrich I. galt als ein überaus erfolgreicher Herrscher in seiner Zeit. Erfolgreich meint hier: Festigung des ostfränkischen Reiches durch Siege über die Slawen, Dänen, Westfranken und Ungarn, was den Menschen in seinem Herrschaftsbereich einen erheblichen Zugewinn an Sicherheit und Frieden schenkte. Heinrich I., den sein wichtigster Chronist Widukind den "besten aller Könige" nennt , bietet in der Art seiner Herrschaftsausübung eine positive Deutung. Seine Herrschaft war nicht, wie die ältere und teilweise nationalistische Deutung es glauben machen wollte, vor allem durch ein kriegerisches und machtbewusstes Auftrumpfen gekennzeichnet, sondern viel mehr durch eine kluge, langfristig angelegte Herrschaft der Bündnisse, der Einigung und damit des Befriedens.. Er schloss mit seinen politischen Kontrahenten amicitiae, Freundschaftsbünde, die in den sogenannten "Gebetsverbrüderungen" belegt sind.

Heinrich I. kann in seinem Handeln nicht aufgeklärten humanistisch-christlichen Wertmaßstäben entsprechen. Aber die Wahl Heinrichs zum König hier vor Ort, erst recht seine Anstrengungen um amicitiae sowie eine vieljährige Gewöhnung an den Namen "KHS" gleich "König-Heinrich-Schule" rechtfertigt nach Meinung der Schulgemeinde, auch im Jahre 2006 den Schulnamen beizubehalten.

 

(Beschluss der Gesamtkonferenz im März 2007)

 

 

 

 

Zusätzliche Informationen